Rumänien im Herbst (Teil II)

Spiele: Carmen București – CSA Steaua București, Petrolul Ploiești – Astra Giurgiu II

Wir fassten nochmal ordentlich Regen ab, sammelten A. ein und liefen Richtung Innenstadt, dabei unterschätzten wir den Weg gewaltig und erreichten die Einkaufsstraße erst, als sämtliche Restaurants dicht gemacht hatten. Die Alternative hieß dann goldene Möwe. Sinnlos, wieso muss ich eigentlich immer wieder in den kulinarisch besten Ländern auf den größten Mist zurückgreifen? 43,5 Meter in die eine, 87 Meter in die andere Richtung, waren wir am Ende unserer Kräfte und der Stadterkundung. Mit dem Taxi ließen wir uns nachhause chauffieren.
Damit war das Kapitel Timișoara auch schon wieder passé und mit dem ersten Gockelschrei saßen wir im Auto. Feinstes hop on – hop off gab es heute auf diversen Landstraßen im Flitzer. Nachdem eine Herde Pferde weniger an uns als Fortbewegungsmittel interessiert war, konnten wir einen Hund nur schwer davon überzeugen, doch lieber an seinem See zu bleiben und wieder das Auto zu verlassen. In unseren Herzen, vor allem aber in den Polstern des Autos und unseren Sachen blieb er aber noch eine Weile bei.https://s15.directupload.net/images/181125/flpz9dl4.jpgDer wunderschöne Wasserfall Bigar in der noch schöneren Schlucht war auf der Fahrt ein ganz guter Reinfall, erwarteten wir doch etwas mehr als 2 ½ m Moos die sich an einem Felsen hielten. Deutlich mehr Laune machte uns die unerwartet abwechslungsreiche Wanderung einige Kilometer südlich. Die Berge dort waren nicht viel mehr als einige Hügel, die Anstrengung hielt sich in Grenzen.https://s15.directupload.net/images/181125/6pvzp8oe.jpgDafür sorgte der vergangene Regen für erschwerte Fortbewegung und der kleine Bach nahm großzügig unseren auserwählten Weg ein. Hinzu kamen noch allerlei Hunde, Schafe, eine handvoll Pferde und zu guter letzt ein Einheimischer, der uns den Weg zu einen richtigen Wasserfall zeigte. Cooler Typ, wie er mit Stock in der Hand vormarschierte und mit seinen Gummistiefeln nur so durch die Gegend stampfte. An seinem Haus angekommen, wies er uns nochmal den Weg und verschwand im pinken Gehöft, bei meckernden Enten und bellenden Hunden.
https://s15.directupload.net/images/181125/ppr4a5jy.jpgKennt ihr die Decebalus-Felsskulptur? Nein? Ich vor der Reise auch nicht, dabei sind die Jahr 2004 fertig gemeißelten Skulpturen an der Donau die höchsten (55 m ) in Europa. Im Sommer bedienen gleich mehrere Ausflugsschiffe die Nachahmung des letzten Königs von Dakien und die Tafel des Traiana zur näheren Inspektion. Zumindest aber König lässt sich auch vom Ufer ausreichend beachten. Wem das nicht interessiert, der krault halt einen der dutzenden Straßenhunde, die um die Aufmerksamkeit der Besucher kämpfen. Süß! Unser Tag endete in Craiova.https://s15.directupload.net/images/181125/kqzgghj8.jpg
Der darauffolgende Tag hatte so ziemlich gar nichts, abgesehen von der Anfahrt nach Bukarest, zu bieten. Zwar war für den späten Nachmittag ein Fußballspiel von Rapid București (weiterer Nachfolger neben Academia)fest eingeplant, aber weder am heimischen Stadion, noch am Austragungsort wollte jemand etwas von dem Spiel wissen. Ärgerlich, aber nicht mehr zu ändern… auch wenn es spätestens am zweiten Spielort fast zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen zwischen mir und dem verwiesenen Grün gekommen wäre. Also ab in unser letztes Heim auf Zeit und in der Innenstadt etwas die Füße platt gelaufen.
Abgesehen von einer kurzen Stadtbesichtigung am Morgen stand der Tag ganz im Zeichen des runden Leders, bzw. dem, was sich drumherum so abspielte:

Carmen București – CSA Steaua București
11.11., Liga 4 Divizia A, Stadionul Rocar

Das Problem an Berichten, die so spät in die Tasten gehauen werden (aktuell knapp 11 Monate Verzug), ist das Vergessen der Kleinigkeiten. Ich meine, ich weiß noch ganz genau, dass mich das Spiel umhaute und es ein runder Besuch war, aber welche Puzzelstückchen dazuführten, die liegen unauffindbar unter irgendeinem Sofa, auf dem sich mein Hirn gerade ausruht. Ärgerlich und Memo an mich selbst: Stichpunkte!
Ich weiß auf jeden Fall noch, dass wir von der Metro gefühlt ewig durch die Bukarester Einfamilienhaus-Idylle liefen und, ähnlich wie gestern, so gar nichts an ein bevorstehendes Fußballspiel erinnerte. Weder auf den viel zu kleinen Fußwegen, noch in den Gärten waren irgendwelche Menschen zusehen. Nun waren wir auch sehr früh dran und es handelte sich um ein Spiel der vierten rumänischen Liga, aber auch ohne Gedanken an das Spiel, wirkten die Straßenzüge wie ausgestorben. Erst kurz vor dem Stadion lärmte Metall und alte Motoren. Die Pigs… mit einigen Dutzend bauten sie Zäune vor dem Stadion auf oder standen in der Sonne herum. Was würden die ganzen armen Seelen in aller Herrgottsländern nur ohne Fußball machen? Hier in Rumänien gebe es definitiv ein paar Klebstoff-Schnüffler mehr, wobei ich das Leid der Kinder in den Großstädten des Landes nicht mit der Perspektivlosigkeit eines arbeitslosen Polizisten vergleichen möchte. Ich meine jetzt ganz ehrlich, was um alles in der Welt bewegt ein Obersheriff dazu eine ganze Armee an Bullen zu so einen Spiel zu schicken?
Nachdem wir unsere Eintrittskarten erworben hatten, machten wir uns zum nächsten Späti und taten es den Uniformierten gleich, wir genossen die Sonne. Einige wenige Fans hatten einen ähnlichen Ablauf und suchten sich mit einem kleinen Plastikbeutel voll Snacks und einer Dose Bier eine Bank. Noch bevor ihr Auflauf richtig begann, verzogen wir uns ins Stadion, auch weil wir um die Eingangssituation (ein Zugang) wussten und nicht weiter zwischen den vertrauten Gesichtern auffallen wollten. Das gelang uns ungefähr gar nicht. Zuerst wurden wir von der Security angeraut, weil wir nicht auf ihre Anweisungen reagierten und dann rangierte der Vereinsbus noch so nah an uns, dass ein Mitarbeiter des Vereins uns auf englisch das Leben rettete. Weiter lief es nun aber wie am Schnürrchen und auf der Geraden konnten wir noch locker 45 Minuten die Sonne fast alleine genießen.Währenddessen sahen wir die schier unzähligen Gruppen in den Gästeblock (Gerade gegenüber) einlaufen. Dabei war bei allen der Ablauf identisch. Die Gruppen kamen schon in sich geschlossen und unabhängig voneinander am Stadion an. Die ersten Leute schauten ins Stadion, ehe das Material (in den meisten Fällen eine kleine Zaun- und eine Schwenkfahne) schnell nachkam; Direkt hinter den Kontrollen wurde auf den Rest gewartet, ehe geschlossen der Platz eingenommen wurde. Dabei fiel schnell auf, dass die Gruppen nicht orientierungslos durch den Block latschten, sondern gezielt ihren Platz einnahmen. Von links nach rechts sammelten sich nach und nach u.a. die South Boys, Outlaws, Shadows (ganz wichtig das Keltenkreuz im O auf beiden Fahnen), Combat, Tineretului Korp und Vacarm.
Kurz vor dem Spiel zeigte der Block dann, dass sie trotz einer Vielzahl von Gruppen, zusammen agieren (Abgesehen der Nord, sehen alle aktiven Gruppen jenes Steaua als Nachfolger). Angetrieben von vier oder fünf Vorsängern sangen die 700 Anhänger „ohohoh Steaua“. Das war nicht nur laut, sondern klang auch großartig. Einige Zeit hielt sich die bekannte, aber live noch nie so wohlklingende Melodie. Die weiteren Lieder, fast ausnahmslos melodische Gesänge, wurden immer laut und energisch vorgetragen, ohne sie kaputt zu machen. Freunde von Schlachtrufen und Klatschparaden wurden somit über die meiste Zeit enttäuscht. kamen diese doch nur selten zum Einsatz. Einzig zum Ende des Spiels, nach dem 5. oder 6. Tor (am Ende 0-6) intonierte der Torschütze mit geballter Faust einen kurzen Schlachtruf, den die Fans natürlich sofort erwiderten. Als das Spiel wieder lief, gaben sich anschließend Co-Trainer, Ersatzspieler und sonstige Leute von der Auswechselbank die Hand vor dem Block und heizten nacheinander den Block an. Geil!
Neben den wirklich geilen Beats für die Ohren, gab es für die Augen eher Schonkost. Die vielen kleinen Fahnen gaben weder ein schönes Gesamt-, noch Einzelbild ab. Zuviel Farbe, zu viele Stile, noch mehr Formate und teilweise ganz fiese Druckbilder. Unter den über 20(!) Stoffen waren leider maximal fünf ansehnliche Fahnen bei. Gut, die Quote ist in Deutschland sicher nicht viel besser und denke ich an die rumänischen Fanszenen, habe ich auch nicht deren Zaunfahnen als erstes vor dem innerlichen Auge. Die 12 großen Schwenkfahnen setzten sich hingegen wenigstens etwas ab und lenkten durch ihren fast durchgängigen Gebrauch vom Zaun ganz elegant ab. Mit drei durch die Luft drehenden Keltenkreuzen war hierbei jedoch zumindest inhaltlich viel Luft nach oben. Kurz nach dem der Ball rollte zeigten übrigens „Shadows“ eine kleines Intro aus einem riesigen Doppelhalter und schwarzen Rauch, das bunte Spruchband am Zaun passte da irgendwie überhaupt nicht ins sonst so düstere Bild.

Choreo
Gäste
Stadion

Mehr als zufrieden mit dem erlebten verabschiedeten wir uns vom kleinen Stadion, während Spieler, Trainer, Fans und Ultras ihren Verein feierten. Während die Straßen um das Stadion immer noch verwiesen wirkten, war in der Stadt schon etwas mehr betrieb. Viel Zeit vertrödelten wir dort nicht und nach einem Mahl wartete in Ploiesti das Nächste Spiel auf uns.

Petrolul Ploiești – Astra Giurgiu II
11.11., Liga 2, Stadionul Ilie Oană

Dieses Spiel und allem voran der Gastgeber Petrolul Ploiești ist ein trauriges Beispiel für den rumänischen Fußball und seinem Verlust von traditionsreichen Clubs im Profigeschäft. Vor wenigen Jahren wohnte ich noch dem Spiel der beiden ersten Mannschaften in der ersten Liga bei. Damals war Astra der Gastgeber an der bulgarischen Grenze. Die Wege trennten sich kurze Zeit später. Petrolul spielt nach der Insolvent 2016 aktuell in der dritten Liga, kann jedoch weiterhin auf seine Fans vertrauen, die ihren Verein die Treue halten. Inzwischen folgte Petrolul leider den landesweiten Trend und verkaufte große Teile an die Firma Veolia. Es bleibt ihnen somit nur zu wünschen, dass eine kommerzielle Ausschlachtung des Vereins erspart bleibt. Astra hingegen spielt das neunte Jahr im Oberhaus und hat sich somit bestens etabliert, ihre paar Zuschauer werden vom Präsidenten wahrscheinlich mit Handschlag begrüßt und von einer organisierten Fanbasis sind die paar Trottel soweit entfernt, wie wir vom Mond. Passend dazu haben die Spieler ihrer zweiten Mannschaft heute die Ehre, an diesem Spieltag vor mehr Fans zu spielen, als zu den nächsten fünf Begegnungen der ersten Mannschaft kommen werden – 3.000 in etwa!
Genug der Einleitung und hinein ins Stadionul Ilie Oană . Der Neubau aus dem Jahr 2010 geht trotz seines modernen Stils klar und hebt sich vom 0815-Einheitsbrei ab. Einzig die Außenbeleuchtung hätten sich die Herren Architekten gerne klemmen können, wenn auch es hässlichere Farben als blau-gelb gibt. Im Gegensatz zu den ersten beiden Spielen, hatte ich es unterlassen, die aktive Kurve durch Google zu jagen und wurde somit gleich beim betreten – nach sehr gründlichen Kontrollen – überrascht: Szenespaltung. Spätestens nach Steaua București (oder Rapid/Academia) keine Neuigkeit in Rumänien . Was wirklich dahinter steckte, weiß ich leider dennoch nicht, bin über eine Aufklärung aber dankbar. Das Ausleben der Mentalität könnte eine Ursache sein, denn diese unterschied sich in beiden Kurven komplett. Zu unseren Rechten sammelten sich rund 200 Leute, denen ich eher einen chaotischen Stil zuschreiben würde. Die Menschen dort standen als Pulk, ohne irgendwie optisch auch nur ein bisschen Form einzunehmen. Ihre großen Schwenkelemente wurden abwechselt und temporär genutzt. Einzig bei den Zaunfahnen war etwas Linie drin. Gleich zwei Hooligan-Lappen und ebenso viele Fahnen angelehnt an die Flagge von Großbritannien wurden befestigt. Wer nun daraus ableitet, dass die Ultras dort den britischen Stil ausleben (wie auch immer dieser aussehen mag) liegt falsch! Langanhaltende Lieder – die mal etwas lauter, mal etwas leiser – vorgetragen wurden, erinnern wohl kaum an die Atmosphäre in den (meisten) Stadien auf der Insel. Klatschparaden beschränkten sich auf ein Minimum, eine Schalparade gab es gar nicht. Stattdessen wurde unkoordiniert beim Support gehüpft. Ihnen gegenüber und somit direkt neben dem Gästeblock, standen in etwa 120 Leute, vornehmlich in schwarzen Jacken. Der Block gab sowohl akustisch, als auch optisch ein komplett anderes Bild ab. Ein Rechteck hinter drei großen (und gewöhnungsbedürftigen) Fahnen war deutlich zu erkennen und wurde vom Großteil respektiert. Beide Schwenkfahnen waren nur während der akustischen Unterstützung präsent und diese war dann der größte Unterschied zwischen beiden Kurven. Die Gruppen beiden ansässigen Gruppen nutzten ausschließlich kurze Lieder und vor allem Schlachtrufe, dementsprechend oft kamen die Arme zum Einsatz. Während also hier punktuell und lautstark unterstützt wurde, war gegenüber immer Gesang zu vernehmen. Das restliche Publikum schaute Fußball und stieg in unregelmäßigen Abständen in den Gesang der einen oder anderen Kurve ein. Interessant dabei, dass dann die jeweilige „überstimmte“ Kurve ihr Lied oftmals unterbrach und ebenfalls einstieg. Somit bekamen die Spieler phasenweise vom ganzen Stadion die Marschrichtung vorgegeben.
Bei denen verstärkte sich jedoch von Minute zu Minute der Verdacht, dass der 12. Mann heute als einziger den Sieg erkämpfen wollte. Halte ich mich mit solchen Äußerungen sonst sehr zurück, schrie das gebotene Spiel gerade zu nach einem gekauften Spiel. Fehlpassorgien, eine angewurzelte Fünferkette und eine aberwitzige Chancenverwertung vom Klassenprimus (bis dato nur ein Unentschieden) ließen nicht nur bei mir die Vermutung aufkommen. So endete das Spiel am Ende wie es begonnen hatte und nach drei sonst netten Spielen in Rumänien bleibt ein bitterere Beigeschmack.

Kurve
Kurve II
Stadion

https://s15.directupload.net/images/181125/8ugzjyy9.jpgAm letzten Tag passierte nicht mehr viel bei uns. Während sich T. einen Frisör gönnte, streiften A. und ich über einen Markt und die angrenzenden Platten. Der Ausflug zu einem Katzen-Café verhinderte zum Glück ein verschlossenes Tor und so gönnten wir unserem Flitzer alternativ noch eine Wäsche und schauten auf dem Weg zum Flughafen am Dinamo-Stadion vorbei.https://s15.directupload.net/images/181125/np6lfpdf.jpg