Rumänien im Herbst

Spiel: Ripensia Timișoara – UTA Arad

Nachdem die sogenannten Jahresurlaube getrennt verbracht wurden, wollten wir im Herbst nochmal gemeinsam weg, wie es Pärchen halt so machen. Wir einigten uns schnell auf das Ziel Rumänien. Das Thema traute Zweisamkeit hatte sich kurze Zeit später erledigt und ein Freund „der Familie“ vervollständigte unsere Reisegruppe. Mit Rainer und Timișoara war die Anreise für wenige Taler geklärt. Zumindest bis die irische Fluggesellschaft eine Krankheitswelle biblischen Ausmaßes traf und in fürsorglicher Voraussicht mehrere hundert Flüge in zwei Durchgängen über mehrere Wochen ersatzlos strich. Böse Zungen behaupteten natürlich andere Dinge. Wie dem auch sei, wir standen ohne Flug da. Die Alternative hieß dann Bukarest und war mit 60€ zwar doppelt so teuer, aber immer noch im Rahmen.
Der Samstag lief entspannt ab. Durch die abendliche Anfahrt fuhren wir nur noch einige Kilometer nach Norden ins nächstmögliche Hotel. Der Faulheit geschuldet wird es wohl als teuerste Unterkunft in Vergangenheit und Zukunft für mich in Rumänien ins Tagebuch eingehen. Nach etwas Palaver und Geschenken (← weil ich so ein netter Typ bin), war der Samstag auch bald Geschichte, zumindest im Pärchen-Zimmer.
https://s15.directupload.net/images/181121/nkdj773p.jpgUnser erstes Ziel am Sonntag war das Bärenreservat Zărnești in der Nähe von Brașov. Die 2 1/2 stündige Fahrt gab dabei, gerade auf den letzten Kilometern, nicht nur einige schöne Einblicke in die Landschaft für die kommenden Tage, sondern auch einen oberflächlichen in die finanziellen Verhältnisse auf dem Land. Umso beachtlicher ist es für mich, dass dann einige Leute ihre ganze Energie und natürlich auch ihr Geld in ein Projekt wie Libearty Bear stecken und verwirklichen. Klar, werden sie mittlerweile gefördert und die Besucher tragen mit Spenden und Eintritt für den Betrieb ebenfalls bei, aber wer wusste dass schon bei der Gründung und den ersten Spatenstichen? Bei den ca. 150 Bären handelt es sich vor allem um Tiere aus Restaurants und Zoos, die zur Bespaßung und Belustigung von Kunden in kleinen Käfigen gehalten wurden. Alles andere als artgerecht fristeten sie so über Jahre hinweg ihr Dasein und verkümmerten bei schlechter Haltung und Misshandlung. Die Tiere werden sich von dieser Zeit nicht mehr erholen, können hier aber den Rest ihres Lebens mit Artgenossen im weitläufigen Grünen genießen. Einige Tiere sind leider psychisch so kaputt, dass sie einzeln oder in sehr kleinen Gruppen gehalten werden müssen. Während des 90 minütigen Rundgangs erhielten wir Einblicke in die Vergangenheit der Tiere, die Anfänge der Anlage und sahen einige Bären sowie ein paar weitere Wildtiere, die aus den Händen der Menschen befreit wurden.
Nach einem kurzen Abstecher in die angrenzenden Bergen erreichten wir eine Schlucht im Piatra Craiului National Park. Der Herbst hatten die Bäume schon längst von ihren Blättern befreit und sorgte somit für ein karges, bzw. graues, Bild, dass einige Meter höher durch den Schnee weiß wurde. Sahen die Bilder vom Sommer malerisch aus, ließ sich die Schönheit heute nur erahnen. Mit Bran stand für die letzten hellen Stunden des Tages das touristische Aushängeschild in der Umgebung auf unseren Zettel: das Schloss Bran.https://s15.directupload.net/images/181121/ngag4ows.jpgDie Geschichten, Märchen und/oder Sagen um seinem ehemaligen Bewohner sind hinreichend bekannt. Die Stände für die Besucher natürlich entsprechend mit passendem Tinnef gefühlt und wir mittendrin. Mit Langós bewaffnet, liefen wir etwas auf und ab, ohne dabei auf Dracula oder anderen blutrünstige Gestalten zu treffen.
Unser Nachtlager schlugen wir Brașov auf, einfach weil die Preise dort um ein vielfaches günstiger waren als in Bran, die Stadt mehr als ein Schloss hat und die Abendgestaltung mehr versprach. Unsere Unterkunft fanden wir nach etwas hin und her doch noch. Geile Bude, nur das fünfte Rad am Wagen musste sich mit dem Sofa zufrieden geben. Vorher ging es für uns aber in die Innenstadt, die alle drei Punkte – wenn auch irgendwie anders als gedacht – bestätigte. Die Stadt schien als allererstes ziemlich ausgestorben. Gut, sieht in meiner Heimatstadt Sonntag (und alle anderen Wochentage) auch nicht anderes aus. Die Abendgestaltung von den Studenten und anderen Einwohner konnten wir nach wenigen hundert Metern aus nächster Nähe betrachten. Hinter einem Bettlagen forderten hunderte Demonstranten eine bessere und Korruptionslose Justiz. Der Demonstrationszug griff weder die paar Cops an, plünderte nicht in der Innenstadt und nicht einmal auf das örtliche Gericht flogen Fläs´chen mit einer Mischung aus Heizöl und Benzin… wir wanden uns dementsprechend ab und nahmen die Suche nach einer Nahrungsquelle auf. Haben wir zu zweit schon riesige Probleme uns zu einigen, schrien die Anforderungen billig, einheimisch und nah zu dritt nur nach scheitern. Nach dem wir fünf Restaurants für nicht akzeptabel empfanden, stolperten wir über eine Kantine. Checkpot! Die beiden Damen hinterm Tresen werden wohl keine Sterneköche mehr in diesem oder nächsten Leben, aber das wussten wir vorher. Gut gestärkt schauten wir uns noch ein, zwei Ecken an und ließen den Abend, aufgrund fehlender Alternativen, in der Küche ausklingen.
Am Morgen wiederholten wir die Runde und saßen bald wieder in unserm Auto. Die Straßen und Dörfer wurden dabei schnell kleiner, mehr und mehr Straßenhunde schauten uns hinterher oder andersherum. Das im ersten Augenblick idyllische und schöne Dorf Racos zeigte uns schonungslos und offen das Problem zwischen Rumänen und den Stinti und Roma auf. Eine unsichtbare aber unverkennbare Grenze durchzog die Straßenzüge, welche weder die eine, noch die andere Seite zu übertreten mochte und ein Miteinander unmöglich machte. Uns war diese Grenze egal, auch weil unser Ziel hinter dem deutlich ärmlicheren Behausungen der leider immer noch diskriminierten Bewohner lag. Etwas unwohl wird mir in solchen Momenten dennoch immer, dass liegt aber an unseren Möglichkeiten und nicht an den Menschen. Während wir hier mit einem geleckten Mietauto durch die Prärie heizen und uns Sprit- und Essenskosten nur bedingt interessieren, sehen wir links kleine Kinder in Lumpen Holz suchen, damit sie in ihren Hütten wenigstens etwas Wärme bekommen. Wenn sich dann noch irgendwelche Urlauber über bettelnde Kids oder Erwachsene an Touri-Hotspots beschweren könnte ich platzen. Bevor ich jetzt abschweife und an den Problem doch nur nichts bis wenig erreiche, spanne ich den Bogen wieder zu unseren schönen Welt.
https://s15.directupload.net/images/181121/8dhnw3cy.jpgDen rote Krater hatten wir ganz für uns alleine, nur die Glocken einiger Kühe durchbrachen die Ruhe. Der Durchmesser betrug locker 250-300 m und war teilweise mit einigen Tannen bewachsen. Hinunter gelangen wir leider nicht, die Gefahr hier zu verschollen wolle keiner eingehen und so fanden wir uns schnell und vollzählig wieder im Auto ein.https://s15.directupload.net/images/181121/2fbtnx6k.jpgAuf der Burg Cetatea Rupea folgte eine kurze Pause und in Schäßburg ein Stadtrundgang. Die Altstadt hinter den Stadtmauern beeindruckte hier durch viele bunte Häuser in den verschiedensten Variationen. Das Wetter passte sich endlich mal an und beim leckeren Essen am Fuß der Festungsmauer kam bestes Urlaubsfeeling auf.https://s15.directupload.net/images/181121/iexw98co.jpgDas Highlight des Tages wartete jedoch knapp 30 km von Cluj-Napoca entfernt. Ein kleiner Wasserlauf hat sich dort mit der Zeit durch Meterhohe Felsmassive gefressen. Heute ist die Schlucht ein beliebter Wanderweg, der Trittsicherheit und etwas Konzentration verlangt. Leider spielte die Zeit und damit einhergehende Dämmerung gegen uns und wir schafften es nicht ganz durch die Schlucht, waren am Ende jedoch alle begeistert, dass wir trotzdem noch dort hielten.https://s15.directupload.net/images/181121/kujduh4f.jpg
In Cluj endete unser Tag in einer schönen Plattenbausiedlung, weit über den meisten Dächern der Stadt.https://s15.directupload.net/images/181121/8wu8qitz.jpgEin traumhafter Ausblick! Eine ähnlich kleine Runde wie am Vortag führte uns vorbei an einigen Sehenswürdigkeiten der Stadt. Die Straßen waren heute deutlich belebter, leider bedeutet dies nicht, dass es leichter war, sich für ein Restaurant zu entscheiden. Nein, selbst als wir uns endlich entschieden hatten und Platz nahmen, ergriffen wir beim Blick in die Karte die Flucht. Warum gibt es nicht in jedem Laden Cevapcici oder Falafel an irgendeiner versifften Ecke… oder wenigstens ein Döner!? Alternativ hätten wir etwas in der Küche zaubern können, aber darauf hatte keiner Bock und mittlerweile auch die Läden schon zu.
Am Morgen sah es dafür umso besser aus. Brot, bisschen Aufschnitt und vor allem Rührei. Bestens gesättigt, konnten wir in den Tag starten. Dieser hatte es in sich, denn zum „fröhlicher Friedhof“ an der ukrainischen Grenze mussten 200 Kilometer Landstraße und ein kleines Gebirge überquert werden.https://s15.directupload.net/images/181121/p7ob2sl5.jpgEs war also klar, dass der Tag heute mehr oder weniger im Auto verbracht werden würde. Auf der Route fanden sich auch keine weiteren Anlaufpunkte – denkste! Meine Frau warf die Stadt Baia Mare in den Raum, diese wird im Reiseführer als, selbst für hiesigen Verhältnisse, utopische Plattenbaustadt beschrieben. Tatsächlich, um den Marktplatz waren zwei drei Altbauten und dann begannen schon bald die Ringe von Plattenbauten. Jetzt nicht im Ausmaß von Kiew oder Belgrad, aber im Verhältnis war das schon eine Hausnummer.https://s15.directupload.net/images/181121/dneewmri.jpg
Kaum die letzten Platten hinter uns gelassen, hatte unser Auto und A. mit den Serpentinen zu kämpfen. Während es unserer Flitzer zur Hälfte geschafft hatte und locker in Richtung Tal rollte, kämpfte die Rückbank weiterhin mit den Kurven und Mageninhalt. Aber auch das war irgendwann überstanden und wir schauten in eine völlig andere Welt. Nette Gegend hier! Die Häuser waren zum größten Teil aus Holz und bunt angestrichen, die weiten Felder endeten irgendwo in den Bergen, das Viehzeug lungerte in der Sonne und der Bauer daneben, der Verkehr wurde immer übersichtlicher und die Kids liefen gut gelaunt die Straße entlang Richtung Haus. Ich kann es nicht gut beschreiben, aber in den kleinen Dörfern schien die Welt in Ordnung zu sein. Augenscheinlich keine Armut, kein Stress, kein Gehetze und alle lebten Glücklich nebeneinander. Toll. Mit der Ruhe war es dann in Sighetu Marmaţiei zu Ende, die Stadt unweit der Grenze war chaotisch und wie Städte an der Landesgrenze halt so sind, eher hässlich. Dafür hatten wir unser Ziel bald erreicht, lohnten unseren Eintritt und schauten uns die Gräber an.https://s15.directupload.net/images/181121/5j7deyok.jpgDas besondere hier sind die Grabsteine, bzw. Grabkreuze. Stan Ioan Pătraș war es, der die öden, festgefahrenen und immer gleichen Aufschriften von Namen, Geburts- und Todesdatum um bildliche Geschichten erweiterte. So verzieren – meist lustige – Bilder von ihm über 800 Gräber. Die bunten Zeichnungen gaben meistens das Lebenswerk oder die Todesursache der Verstorbenen wieder. Eine schöne Sache, warum auch sollte der Tot immer grau, leise und deprimierend sein? Kaum ein Stündchen war vergangen, da stand der zähe Rückweg wieder an. Für größere Pausen war die Luft anschließen raus und wir wählten den direkten Weg nach Cluj. Direkt? Ach komm, der Weg müsste uns doch auch auf die Straße nach Cluj bringen. Die Vernunft in Form meiner Frau schlief gerade und ja, es hätte uns klar sein müssen, dass unsere Idee an Dummheit nicht zu überbieten war. Da steht ein XXL-Schild mit riesigem Durchfahrtsverbot, nach 500 m bestand die Fahrbahn nur noch aus Schnee und Eis, unser Auto rutschte nur so um die Kurven und ich intervenierte, dass der Fahrer doch bitte etwas vom Gas gehen sollte.https://s15.directupload.net/images/181121/aw72mkon.jpgZum Glück erwachte irgendwann die Rückbank und fragte beim Blick auf die Straße, was wir hier machen und vor hätten. Die Frage stellten wir uns anschließend auch, wendeten und fuhren wieder auf die bekannte Straße.
Auch der Folgetag hielt wieder etwas Abenteuer für unser Auto und uns bereit, daran war beim viiiiiiiiiiiel zu frühen Auftakt allerdings noch nicht zu denken. Große Straßen ließen wir gekonnt links liegen und durchfuhren somit wieder kleine Ortschaften und – selbst im tristen November – schöne Landstriche. Am Beliș-Fântânele-Stausee und den folgenden Kiefernwäldern war jedoch bald schon wieder Schluss. Ich mag ja Autofahren, aber nach gefühlten 2.000 Kilometern übelster Serpetinen in den letzten drei Tagen habe ich irgendwann die Schnauze voll. Zum Glück zeigte das Navi bald „abbiegen“ an. Es war zwar ein unbefestigter Weg, ein wenig Schnee war hier und dort zu erkennen, aber es sollten auch nur noch wenige Kilometer sein. Nach dem wir uns das fünfte Mal im Schnee festgefahren hatten und nur mit anschieben wieder ins Rollen kamen, zusätzlich zwei Mal ganz langsam Richtung Straßengraben rutschten, gaben wir auf. Und ich lege mich hier fest, nachdem 2014 in Iași selbst die Busscheiben auf den Weg nach Moldawien von innen froren und wir in den letzten beiden Tagen gleich zweimal vor Schnee kapitulieren mussten: mich sieht Rumänien nur noch im Frühling und Sommer. Ein Ziel blieb somit auf der Strecke und wie fuhren nun die Scarisoara-Eishöhle an. Ich bin jetzt nicht unbedingt ein Höhlen-Fan, aber auf der Tour zählte Demokratie… sinnlose Erfindung! Am verwiesenen Parkplatz (von fünf Verkaufshütten hatte genau keine auf, von drei Imbissen null – Hochsaison) schloss ich jedoch eine untrennbare Freundschaft mit einem Straßenhund und war fortan Glücklich. Beeindruckender als der Hund waren nur zwei Opis, die im Abstand von 100 m ihren selbst gebrannten anboten und trotz keinerlei Interesse unserseits zum gratis kosten anboten. Über Sinn und Unsinn solcher Beschäftigungen im hohen Alter lässt sich natürlich streiten, beim Blick auf das Thermometer und den überschaubaren Besuchern (drei) sicher noch etwas mehr, aber die beiden waren glücklich. Kaum waren wir vorbei, setzten sie sich wieder hinter ihren Tisch und schauten in den Wald. Vielleicht komme ich im Rentenalter auch wieder hierher, verkaufe ein bisschen Bier, trinke immer mal eins mit und wandere mal den Wald bergauf und bergab, es gibt sicher schlimmere Lebensabende. Die einladenden Wanderwege wurden von 2/3 der Gruppe verschmäht… Demokratie. Stattdessen zogen wir ein Ticket, schmierten auf der aalglatten Treppe fast ab und schauten uns eine dunkle Höhle an. Höhepunkt war Eis aus der Eiszeit.https://s15.directupload.net/images/181121/sjt94ukg.jpgCool… noch cooler wäre es nur mit festgesetztem Auto gewesen. Abgesehen von der Höhle konnte die Natur tatsächlich einiges hier und machte selbst ohne frisches Grün und bunte Wiesen Eindruck. Immer wieder erschienen große Felsen im dichten Wald oder hinter dem nächsten Abzweig ein fieser Abstieg. Selbst die unflexiblen Demokraten leckten etwas Blut und bejahrten großzügigerweise einen Verbleib vor Ort. Jedoch sollte das Auto als Fortbewegungsmittel dienen. Das hätte ich bei den beiden wahrlich nicht erwartet. Die auf denen sonst bei Wandern immer Verlass ist. Die Frau, die anstandslos den Brocken besteigt, in Sofia das Witoschagebirge vom Fuße aus angeht oder drei Monate später 8(!) Stunden durch Petra laufen und klettern sollte. Und mein Kumpel, der mit mir in Jerusalem das Bett um 5 Uhr morgens verließ um 7 Uhr über Stock und Stein in der palästinischen Wüste bei einem Bier den Ausblick zu genießen, im Trainingslager in Südtirol ein Flummi war und gar mal ein Bier ausließ, um mit mir durch eine Schlucht zu laufen. Unfassbar. Einige Kilometer später landeten wir in Höhle Nummer zwei, die gar nicht so öde war und sich vom „Höhlenalltag“ positiv abhob. Dazu trug 1.) der geile Pförtner bei, der sichtlich froh über unseren Besuch war und uns sogleich begleitete und 2.) entsprang dort eine Quelle – faszinierend! Das Wasser sprudelte einfach so aus dem Boden. Zu dritt starrten wir auf die Quelle und suchten die Umgebung nach einer PVC-Leitung ab. https://s15.directupload.net/images/181121/avlkgeze.jpg
Nächster halt: Timișoara. Unumgänglich auf dieser Reise, hat, bzw. hatte meine Frau hier doch Verwandtschaft. Diese siedelte zwar später nach Deutschland um, dennoch wollte sie wenigstens mal in hier gewesen sein. Wir auch, denn am Abend wurde hier gegen den Ball getreten:

Ripensia Timișoara – UTA Arad
08.11., Liga II, Stadionul Dan Păltinișanu

Unsere Unterkunft lag strategisch günstig, nur durch einem Friedhof vom Stadion getrennt. Kurz die Sachen und A. abgeworfen, schritten wir durch den Regen in Richtung Spielstätte. Klar, hätte es auch ein Taxi für 2-3€ getan, aber wir hatten so richtig Bock auf Fußball und da gehört ein kurzer Spaziergang samt dummquatschen halt dazu. Die Tickets waren, wie erwartet, spottbillig und das Stadion verwiesen. Gut gemeinte 400 Zuschauer wohnten den Kick der zweiten Liga bei. Das es anders geht, bewies das Derby an gleicher Stelle zwischen Poli Timisoara und den heutigen Gästen. Eine fünfstellige Anzahl an Besuchern sorgte dabei für erstklassige Atmosphäre. Beide Kurven waren bestens gefüllt, unterstützen ihre Vereine mittels Gesang, Pyro und Choreographien. Es wurde sich gar über mehrere Minuten im Stadion gewamst, ohne das die Pigs eingriffen. Es muss ein Tag gewesen sein, wie ich ihn nur aus alten Heften kenne, wo ein jeder noch von der rumänische Fanszene schwärmte und die Fußballwelt noch nicht in Trümmern lag. Viele Jahre sind seit dem vergangen. Aktuell sieht es umso trauriger und trostloser aus. Vereine in der ersten Liga spielen vor wenigen hundert Zuschauern. Die Gründe dafür sind zum einen sicher die schmierigen und korrupten Bosse der Verbände und vor allem der Einstieg/Aufkauf durch Sponsoren bei unzähligen Clubs. Das bekannteste Beispiel davon ist sicher Steaua București. Aber nicht nur der zweite große Verein aus der Hauptstadt wurde durch einen Investor zerstört. Mit Dinamo București gibt es nur noch einen Verein im rumänischen Oberhaus, der von einer ernstzunehmenden Fanszene unterstützt wird und eben noch kein Spielball eines Investors wurde (hierbei scheiden sich natürlich die Geister). Die Ultras der anderen Vereine treten ihren ehemaligen Clubs den Rücken zu, bzw. finden sich die Vereine durch Insolvenzen und Neugründungen in den Ligen 2-4 wieder. Dort, in den Niederungen des rumänischen Fußballs, finden sich dann – zumindest auf den Rängen – die Perlen wieder. Woche für Woche ziehen die teilweise jahrzehntealten Gruppen über die verschiedenen Sportplätze und haben dort ihre neue Heimat gefunden. Und selbst ich als Youtube-Muffel habe mich doch gerade vor und nach der Reise immer wieder fesseln lassen, von den Videos oder auch Fotos der Vereine wie Academia București, Steaua, FC U Craiova, SR Brașov oder auch U Cluj. Zu den großen Vereinen in den unteren Ligen pilgern teilweise zu einem Spiel mehr Zuschauer, als an einen kompletten Spieltag der 1. Liga. Die Fotos vom Derby zwischen Rapid und Steaua werdet ihr sicher gesehen haben, das Nationalstadion war mit mehreren 10.000 Zuschauer gefüllt! Von diesen Zahlen abgesehen, erleben die Kurven gefühlt einen zweiten Frühling und es bleibt ihnen nur alles Glück und Durchhaltevermögen dieser Welt zu wünschen, dass sie ihren Fußball nicht ein weiteres Mal verlieren. Denn selbst im Amateurbereich warten hier gierige Fernsehanstalten, die die Spiele Live in die Wohnzimmer bringen und sich somit auch in die letzte(!) Liga einkaufen.
Genug oberflächliche Einleitung, rosarote Sonnenbrille ab und ins Rund geschaut. Die 20 Heimkutten zentral auf der Tribüne hätten locker vorm Break-Dance-Karussell einer x-beliebigen Kleinstadt-Kirmes stehen können, nur mit (noch) weniger Stil. Hilfe! Glücklicherweise hielten sie nach fünf Minuten ihre Klappe und erschraken mich anschließend nur noch beim flüchtigen Blick durch das Stadion. Die Gäste aus dem 60 km entfernten Arad brannten im Stadion Dan Păltinișanu zwar kein Feuerwerk ab, aber zeigten, dass die rumänischen Kurven nicht umsonst von einigen Leuten mit denen aus dem Mutterland der Ultras verglichen werden. Die Ultras des UTA Arad gehören dabei sicher weniger zu den großen Nummern des Landes und ich kann natürlich schlecht beurteilen, ob das vorgetragene Liedgut ihrer Kreativität oder ihren Kopierqualitäten entsprungen ist, aber wir wippten ein ums andere Mal mit. Die Melodien, gepaart mit der unbekannten und wohlklingenden Sprache machten schnell Freude! Mit 50-60 Leuten wirkten die Gäste zwar optisch im leeren Stadion wie verloren, aber der Gesang wälzte sich umso besser über die verwiesenen und nassen Sitze. Im zweiten Durchgang lähmte der spannende Spielverlauf leider den Gesang und ließ die bis dato fast durchgängigen Melodien immer wieder über mehrere Minuten verstummen. Am Ende hieß es 1-1. Dem Spiel wohnten ebenfalls eine Gruppe von 15-20 Poli-Fans bei, die dem eigenem Spiel in Suceava (ca. 9h, eine Strecke) fern blieben und augenscheinlich weniger am Spiel, als an den Gästen und ihren Material interessiert waren. Das Material beschränkte sich hierbei auf vier – durch die Bank weg – weniger hübschen und kleinen Zaunfahnen. Dafür bestand der Gästemob – abgesehen von 10 Kutten – durchweg aus aktiven Fans, die zwar locker, aber dennoch diszipliniert im Regen zusammen standen. Weniger Lust aufs nass werden hatten anscheinend die Pigs, die zur unserer Überraschung nur in überschaubarer Menge anreisten.

Stadion
Gäste