TS Przylep – Stilon Gorzów

24.06., Pokal, Stadion MOSiR

Mit dem Pokalfinale der Woiwodschaft Lubuskie (dt. Lebus) stand das letzte Spiel der Fußballsaison 2016/2017 für mich an. Zwar kam es im Halbfinale, mit Stilon – Falubasz, zum eigentlichen Höhepunkt des Wettbewerbes, aber dass fand 1.) unter der Woche statt und 2.) ohne Gäste. Dank des Aufstieges von Gorzów in die 3. Liga (vierthöchste Spielklasse) und der damit verbundenen Euphoriewelle, führte am Finaltag kein Weg vorbei. Schnell war das Auto gefüllt und zwei Stunden vor der Abfahrt wurde gar noch der undankbare Platz in der Mitte vergeben. Dabei war die Zusammensetzung einmal mehr neu und bunt gemixt. Natürlich durfte dabei mein polnischer Kumpel mit Wurzeln aus Gorzów nicht fehlen. Gerade mit dem sich abzeichnenden Aufstieg, stieg sein Interesse wieder stark an.
Mit einer üppigen Verspätung von 30 Minuten sammelten wir auch den letzten im Bunde ein und brausten auf der Autobahn dem Zielort – Kostrzyn – entgegen, ehe uns ein dicker Stau auf die Landstraße ausweichen ließ. Mit einem großzügigen Zeitfenster ausgestattet, störte sich daran heute keiner. Die brandenburgische Einöde bot neben allerlei toten Tieren auch noch einen geschichtlichen Ausflug in die letzten Tage des zweiten Weltkrieges. Der Wegweiser zur „Gedenkstätte Seelower Höhen“ sorgte für ein wiederholtes Wendemanöver und allgemeinem Interesse im Auto. „Die Schlacht um die Seelower Höhen“ war die letzte große Schlacht und die größte auf deutschen Boden des Krieges. Die Rote Armee griff am 16.April 1945 mit über 1.000.000 Soldaten die letzte Stellung vor Berlin an. 120.000 deutsche Soldaten konnten einen Durchbruch bis zum 18.April verhindern, ehe sie sich einen Tag später geschlagen geben mussten. Bei der Schlacht verloren mehr als 30.000 Soldaten im Auftrag der Befreiung ihr Leben. Auf Seite der Deutschen gab es über 12.000 Verluste. Neben unzähligen zivilen Opfern war die Kulturlandschaft für immer zerstört. Noch heute ist die Region stark von Munitions- und Wrackresten gezeichnet. An diese große und wichtige Schlacht erinnern drei Gedenkstätten. Eine im polnischen Kostrzyn, eine in Berlin und eben eine hier. Neben einigen Fahrzeugen und Geschützen auf den Museumsvorplatz regen vor allem die sowjetischen Kriegsgräber, das Ehrenmal und die eindringliche Gedenktafel zum Nachdenken an. Verschiedene Tafeln gewähren wenigstens einen kleinen Einblick in die Geschichte der Schlacht aber auch ans Gedenken zur Zeiten des Sozialismus in Deutschland.
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Einige Kilometer weiter, mittlerweile in Polen, schnell eine handvoll Taler getauscht, reichlich für das anstehende Trainingslager in Südtirol eingekauft und zwei große Hot Dogs von der Tankstelle eingeatmet. Als wir gerade unser Mittag in uns hineinstopften, trudelte auch der Konvoi aus Gorzów in die Stadt ein. Mit reichlich Pigs wurden sämtliche Seitenstraßen abgesperrt und ein Bus, sowie zahlreiche Fahrzeuge konnten ungehindert mit 70 km/h durch die Ortschaft brettern. Wir schlossen uns ihnen gleich an und fuhren die wenigen Meter zum Stadion.
Der Eintritt war bekanntlich frei und wurde überraschend gut angenommen, so dürften unterm Strich sicher 700 Menschen dem Spiel beigewohnt haben. TS Przylep brachte zwar ein Dutzend Anhänger mit, die traten aber nicht in Erscheinung und verhielten sich ruhig. Anders natürlich die rund 250 „Stilon Fighter“, die 10 Minuten vor dem Spiel geschlossen die Ordner ignorierten und zielstrebig aber ohne große Aggressivität ins Stadion einmarschierten. Ein, zwei motivierte Securitys wurden bei Seite geschoben, die Kontrollen waren passé und demensprechend auch alle Materialien ohne Probleme drinnen. Bis zum Anpfiff waren alle Zaunfahnen an der hüfthohen Balustrade befestigt und der – unerwartet – große Mob nahm optisch einwandfrei Aufstellung! Ob Python 1 und Python 2 aus der legendären Doku über Stadt und Szene dabei waren, konnte ich leider nicht sehen. Wir dachten dennoch ständig an die zwei armen Gestallten und jeder von uns glänzte mit alten Zitaten.
Das Spiel begann und die ersten Lieder für Stadt und Verein wurden von rund 90% der blau-weißen Anhänger angestimmt und von meinem Nachbarn netterweise übersetzt. Inhaltlich sicher keine mehrzeiligen Gedichte aber dennoch immer mit einer klaren Aussage, bzw. Forderung – Sieg. Die Arme kamen in regelmäßigen Abständen ebenfalls zum Einsatz und an der Lautstärke gab es die ersten Minuten auch wenig zu meckern. Jedoch nahm diese Rasch ab und nach wenigen Minuten hörten sich die Schlachtrufe deutlich monotoner an, wenn sich auch weiterhin alle beteiligten. Im zweiten Durchgang und trotz des sich abzeichnenden Erfolges (2-1) waren die Kibice weiterhin nicht mehr aus der Reserve zu locken. Hierbei sei angemerkt, dass die Gegengerade trotz Konsumbesuch von vielen Stilon-Fans pünktlich wieder gefüllt war und ohne große Verspätung weiter koordiniert, von einem Vorsänger, die Mannschaft unterstützte. Witzige Anekdote: Hinter der Geraden verlief eine Bahnstrecke und so ließ es sich einer der Lok-Führer nicht nehmen, sein Signalhorn in einem bekannten Klatsch-Rhythmus ertönen zu lassen –Ultrá! Als sich das Spiel mehr und mehr dem Ende näherte, überstiegen bald einige Fans die Begrenzung. Zweimal wurde dabei ein Pfiff des Schiris falsch interpretiert und es liefen mehr oder weniger (einer!) schon quer über den Platz, um sich ein Trikot zu sichern. Der Referee blieb dabei jedoch cool, bat die Jungs vom Platz und spielte locker runter. Halb soviel Coolnis, wie übrigens auch die Securitys bewiesen, hätten auch den Pigs gestanden. Diese bezogen jedoch in voller Kampfmontur an beiden Enden der Geraden Stellung und wirkten somit völlig deplatziert im lockeren Finale. Der folgende Platzsturm verlief dann ganz ohne Probleme und so schnell, wie die Hools, Ultras und Fans auf dem Platz bei ihren Spielern waren, so schnell und problemlos verzogen sie sich nach dem Trikottausch wieder.
Nicht unerwähnt soll die Protestaktion während des ersten Durchgangs bleiben. Mit Spruchband („Sie verurteilen, was sie nicht verstehen“) und mehreren Doppelhaltern (u.a. Zeitung, Fernsehsender, aber auch SF (Stilon Fighter) und weitere) wurden die staatlichen Medien und ihre Berichterstattung kritisiert. Dafür wurde die alte Blockfahne mit tasmanischen Teufel als Sichtschutz genutzt und anschließend reichlich Pyro in sämtlichen Formen abgebrannt. Blau-weiße Fahnen in verschiedenen Ausführungen sorgten dabei für einen „Oldschool“-Effekt und bahnten sich ihren Weg durch die dicken Rauschschwarten, die über 10 Minuten immer wieder ihren Ursprung änderten (Rauch, Bengalen, Breslauer, blauer Rauch). Schöner Saisonausklang!

Stilon-Anhang
Blockfahne und Pyro, Foto II, Foto III, Foto IV, Foto V
Stadion