Polen: zwischen Saisonausklang und Rivalität

Spiele: Raków Częstochowa – Odra Opole, Miedź Legnica – Sandecja Nowy Sącz, Lech Poznań – Wisła Kraków

Eigentlich sollte das Spiel zwischen Beskid Andrychów und Unia Oświęcim das Highlight des kurzen Ausritts ins Nachbarland werden, jedoch zerschlug sich dieses Vorhaben wieder und mit dem Spiel bei Raków Częstochowa wurde eine gute Alternative gefunden. Wie so oft mangelte es nicht an interessanten Spielen, sondern einmal mehr am Auto. Aber dass wurde einen Tag vor der Abfahrt unkonventionell geklärt. Am Abend vor der Abfahrt endete mein Grillabend abrupt, verkündigten zwei Leipziger ihr baldiges Eintreffen an. Natürlich verließ ich das vor Fett triefenden Abendmahl zu früh und wartete noch reichlich auf die beiden in der Platte.
Dafür ging es am nächsten Tag (fast) pünktlich los. Gar so motiviert, dass es nach langem mal wieder einen Bußgeldbescheid geben wird – Kurwa! Im durchmischten Auto dauerte es seine Zeit, bis sich nach dem Schlafen und Beschnuppern noch einige Themen durch die Reihen wälzten und von der utopischen Maut – dank falscher Strecke – ablenkte. Als wir kurz vor Łódź auf die Landstraße wechselten, gab es mal wieder etwas zu sehen und die ersten knapp 600 Kilometer waren bald geschafft!http://fs5.directupload.net/images/170720/u8c8c4a8.jpg

Raków Częstochowa – Odra Opole
27.05., 2. Liga, Stadion Raków

Unser Zeitplan wurde trotz zweier Hot-Dog-Pausen eingehalten und kurz nach dem die Bilety-Damen mit ihren lackierten Fingernägel anfingen, die Personalien der Kibice in die Tastatur zu hauen, erreichten wir das Stadion. Die örtlichen Hools vermöbelten, wie eingeplant, währenddessen noch den Sandsack im Gym und wir erledigten die Prozedur ohne eindringliche Blicke. Die verbleibende Zeit vertrieben wir uns in der Stadt. Neben einem kleinen Straßenfest, was später noch zum Festival wachsen sollte, gab es eine italienische Fressmeile, in dem reichlich Proben genascht wurden und einen Blick auf das Wahrzeichen der Stadt – das Pauliner Kloster – geworfen wurde. Mit diesen oberflächlichen Eindrücken für alle Sinne fuhren wir dem Spiel entgegen und parkten unser Auto im Schatten einer Platte.
Gerade hatten wir uns aufgeteilt, eilte das erste Paar auch schon wieder zum Rest zurück. „Ähm, ne… lass mal noch kurz warten!“. Grund für die blassen Gesichter war ein 65er Haufen von Chemik Kędzierzyn Koźle, die in einheitlicher Kleidung und gemeinsamen Schlachtrufen martialisch zum Stadion ihrer Freunde liefen. Später wirkten die Kerle etwas isoliert vom Geschehen, bzw. isolierten sich selbst. Zuerst positionierten sie sich in direkter Nähe zum Gästeblock und pöbelten kurz, nach wenigen Augenblicken wechselten sie den Standort und nahmen am äußersten Rand – hinter ihrer „Hooligans“-Fahne – in der Kurve Platz. Jetzt bin ich aber gehörig vom Thema abgeschwiffen, wollte ich doch eigentlich auf die Begrüßung an den Drehkreuzen eingehen. Denn spätestens dort wird der Versuch, das Stadion Inkognito zu betreten jäh beendet. Aus den eingebauten Lautsprechern quakt es eine freundliche Begrüßung in deutscher Sprache entgegen. Wahrscheinlich dachten die Initiatoren, dass das super freundlich und nett sei und klopften sich gegenseitig ordentlich auf die Schultern.
Kurz vor dem Spiel klopfte ein Hool der Gastgeber bei den Gästen an und schlug ein paar Geraden durch den Zaun, ehe er sich vor den anrückenden Ordnern verkrümelte und den Rückzug antrat. Odra Opole entfernte daraufhin in Windeseile die Fahnen und einige Beleidigungen wurden ausgetauscht. Die Gäste (208, reisten mit Zug an) weilten zu diesem Zeitpunkt schon komplett im Block, waren aber wenig an einer Auseinandersetzung interessiert, genau wie die bereits gut gefüllte Heimkurve und so beruhigte sich die Situation im Nuh!
Raków gehört sicherlich nicht zu meinen Lieblingen in Polen, dennoch muss ich ihnen heute einen durchweg guten akustischen Support bescheinigen. Bei der optischen Umsetzung sah es hingegen schon wieder anders aus. Die 500-600 Fans, Hools und Ultras hinterließen bei mir einen guten Eindruck und konnten durchgängig die Stimmungshoheit verteidigen. Ihre mehrmaligen Klatschparaden sahen bei bestem T-Shirt-Wetter in der flachen Kurve geschlossen aus und auch die gelegentlichen Hüpfeinlagen wurden von der ganzen Kurve aufgenommen. Ungewohnte Kritik in diesen Regionen lässt einzig (neben der Vielfalt) die Lautstärke zu, da war sicher noch etwas Luft nach oben. Jedoch war, abgesehen von der gegenseitigen Abneigung, auch jegliche Spannung raus (Endstand 3-0). Beide Seiten waren durch und planten schon für die 1. Liga. Gar die erste inoffizielle Aufstiegsfeier von Raków lag schon einige Tage zurück. Dennoch wurden auch heute weder Mühen, noch Kosten in der Kurve geschont und in der ersten Halbzeit eine kleine Choreo gezeigt: „Siegen wird der, der nicht den Glauben verliert“. Der Glaube beinhaltete dabei nicht nur den eigenen Verein, die heutigen anwesenden Gäste von Videoton und Kędzierzyn Koźle, oder einen Fan, sondern auch den Kampf gegen ISIS, Homosexuelle sowie Kommunismus und auch dem Keltenkreuz wurde ein separater Doppelhalter gewidmet. Das Symbol gegen Homosexuelle (Männer) ist übrigens seit 2011 in Polen eine geschützte Marke der Partei „Nationale Wiedergeburt Polens“, genau wie das Keltenkreuz. Wie Gerichte so etwas durchwinken können, ist mir schleierhaft und hat auch nichts im entferntesten mit irgendeiner Ausrede wegen besonderen Stolz und Liebe der Polen auf ihr Land zu tun. Das eine Symbol ist Intolerant und das andere ein Zeichen von Europas Rechten. Zurück zum Geschehen in Częstochowa. Vom Heimblock ist somit fast alles erzählt, bis auf die finstere Gestaltung des Zauns. Wirklich jede der über dutzend Zaunfahnen hatte einen anderen Stil und das Gesamtbild wirkte somit lieblos zusammen gewürfelt. Ohne Frage, klar ist eine gewisse Vielfalt schön und auch alte (oder gerade diese) verdienen einen Platz in der Kurve, jedoch muss sich doch irgendwann eine Handschrift abzeichnen, bzw. durchsetzen!?
Bestes Beispiel dafür auf der anderen Seite des gut gefüllten Stadions. Dort befestigten die Gäste aus Opole drei ihrer Fahnen und beeindruckten mich persönlich mit diesem Bild deutlich mehr. Jedoch war der Anblick des Gästeblockes auch schon dass einzig interessante auf der Seite des Stadions. Denn groß fielen die Jungs sonst nicht weiter auf. Ein Dutzend Schlachtrufe vom OKF-Mob, ein La Bomba und ein brennender Schal – das sollte heute alles gewesen sein (Kräfte schonen für das Saisonfinale mit den Freunden von Polonia Bytom?) – und trotzdem ist mir dieser Verein irgendwie sympathisch. Warum kann ich nicht sagen, vielleicht weil die Familie von einem Kumpel dort herkommt.

Heimblock
Haufen von Chemik Kędzierzyn Koźle
Stadion
Choreo bei Raków
Gästeblock

In den nächsten Stunden fuhren wir nach Legnica. Zwar war unsere erste Wahl Wrocław, jedoch bemühten wir uns am langen Wochenende einfach zu spät, um eine bezahlbare Unterkunft und bekamen dafür die Quittung. So gab es wenigstens für alle eine Premiere, denn in dieser Stadt war von fünf Leuten tatsächlich noch niemand! Wenig verwunderlich also, dass sich alle nochmal aufrappeln konnten und mit Dosenbier in Richtung Innenstadt liefen. UNESCO-Welterbe wird diese Stadt sicher nicht mehr werden, jedoch kann Legnica mit ein paar schönen und gammligen Ecken zumindest uns begeistern. Die Nacht nahm den üblichen Lauf und zwischen Kneipe, Döner, Bordstein und Hotel-Kühlschrank sollte jeder auf seine Kosten gekommen sein.http://fs5.directupload.net/images/170720/jaio35yz.jpg
Der beste Start in den Tag ist ein ausgewogenes Frühstück und da dieses auf solchen Touren gerne dem engen Zeitfenstern weichen muss, waren wir umso zufriedener mit dem Angebot des Hotels und der Zeit, die wir noch bis zum ersten Spiel hatten. Bevor noch etwas die Sonne mit Eis in der Stadt genossen werden sollte, sicherten wir uns die Tickets für das Spiel. Für einen kurzen Schreckmoment sorgte dabei ein deutsches Auto mit Dresdener-Kennzeichnen, jedoch stellte dieses Auto sich nicht als sächsischer Freundschaftsbesuch heraus, sondern als Wurst- und Wasserlieferant. Passend dazu stieß ich wenig später auf ein Graffiti von Legnica und Dynamo. Weitere Highlights in der Stadt waren das alte Kino und das Denkmal der polnisch-russischen Freundschaft. Letzteres wurde übrigens aus Teilen des zuvor hier befindlichen Denkmals Friedrich des II. und Wilhelm des I. gegossen.
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Miedź Legnica – Sandecja Nowy Sącz
28.05, 1. Liga, Stadion im. Orła Białego

Das Stadion von Miedź Legnica mag dem einen oder anderen sicher ein Begriff sein, nicht weil es so alt, groß oder schön ist. Viel mehr, weil die einzelnen Blöcke nach oben spitz zulaufen und somit ungewohnt aussehen. Über 6.000 Sitzplätze stehen den Fans zur Verfügung, werden jedoch nur sehr selten benötigt. Heute sollten offiziell fast 2.400 Zuschauer anwesend gewesen sein, wo diese Zahl herkommt weiß ich nicht. Ich hatte 800 getippt und bin mir sicher, damit näher an der Realität gelegen zu haben als die Scanner am Eingang! Spielt aber auch nicht die Rolle, wenn den wenigstens der Fanblock gut gefüllt ist – war er aber nicht. Die paar Kibice von Miedź und ihrer Freunde aus Wrocław und Żary lungerten in der Sonne rum und bequemten sich gerade dazu, ihre „Ultras“-Fahne an den Zaun zu bringen. Die erste Halbzeit standen wir ihnen in nichts nach und bewegten uns zwischen Grillstand, Zapfhahn und rutschten auf den Sitzschalen umher, um eine angenehme Position zu finden. Dabei verpassten wir fast die Überziehbänder in den Vereinsfarben der Nachwuchskicker und ihrer Trainer/Väter auf der Gegengerade…. Die zweite Halbzeit sollte sich jedoch bessern und nach dem die anwesenden Freunde besungen waren, gab es vom 60 köpfigen Haufen ganz passable Unterstützung. War jetzt sicher nicht zu vergleichen mit dem abwechslungsreichen Auftritt in Głogów aber immerhin etwas individueller als in großen Teilen des Landes. Profitieren tat der überschaubare Block ohne Zweifel vom leeren Stadion und so hallten die Gesänge in einer guten Laustärke durch das Rund. Wir verabschiedeten uns dennoch vor dem Abpfiff (3-0) und steuerten das letzte Ziel der Tour an:

Graffiti in der Innenstadt
Stadion
Heimblock

Lech Poznań – Wisła Kraków
28.05., Ekstraklasa, Stadion Miejski

Tickets hatten wir uns bereits im Vorfeld gesichert, immerhin hatte Lech zwei Spieltage vor dem Ende noch rechnerische Chancen auf die Meisterschaft und konnte diese mit einem 2-1 Sieg heute vorerst weiterhin wahren. Am Ende wurde es damit jedoch nichts und etwas überraschend darf sich Jagiellonia Białystok neuer polnischer Meister nennen und verwies Legia und Lech auf die Plätze zwei und drei. Darum und ob diese Meister- und Abstiegsrunde Sinn oder Unsinn darstellt, soll es aber hier nicht gehen, also rein ins Spiel und Blicke auf die Ränge.
Im Gästeblock stellte sich der Anblick jedoch sehr ernüchternd da, 50 Leute trudelten kurz nach dem Anstoß im Eckblock ein und verteilten sich großzügig in diesem. Einzig zwei Motivierte pöbelten fleißig am Begrenzungszaun zur Tribüne. Die in blau und weiß geteilten Ränge des Heimblockes waren hingegen gut gefüllt (über 20.000 Zuschauer im Stadion). Kaum war die Hymne verstummt, die Schals wieder um die Hände der Fans gebunden und tief Luft geholt, standen sämtliche Lech-Fans auf und donnerten den ersten Schlachtruf gemeinsam auf das Spielfeld. Im weiteren Verlauf des Spiels stiegen große Teile der Gegengerade immer wieder in die Gesänge ein und sorgten für eine gute Kulisse. Ohne Frage erreichen auch die rund 4.000 Menschen im Fanblock eine gute Lautstärke aber dieser Moment, wenn ein ganzes Stadion ihre Mannschaft nach vorne treibt, bleibt für mich etwas Besonderes. Der Fanblock heute wie eh und je geschlossen, dazu gehört für mich vor allem die einmalige Kleiderordnung auf den zwei Rängen, das vielfältige Fahnenbild hinter den der Block steht und natürlich diese enorme Akustik von den Fanatikern. Zumindest meistens, denn gerade im ersten Durchgang haperte es an der Lautstärke. Klar, ohne Gäste gingen die Wörter nicht so leicht von den Lippen. Zwar wurde ohne große Pausen die Mannschaft von fast allen Unterstützt, jedoch eben nicht mit diesem gewissen extra, auf das es am Ende ankommt und zu dem gerade diese Tribüne immer in der Lage ist. Dafür fehlt – wie bei so vielen polnischen Kurven – einfach die Motivation wenn keine Gästefans anwesend sind.
… und was hilft da am Besten? Genau, wenn 130 weitere Gäste in der Halbzeit ins Stadion trudelten, ihre Fahnen aufhingen, die losen Leute bündelten und gelegentlich mit einigen Rufen im großen Stadion auf sich aufmerksam machten und genau das gelang den nun 180 Wisła-Fans recht gut. Hinter vier ihrer Fahnen gaben sie vereinzelte Gesänge von sich und konnten sich gar einige Male Gehör verschaffen. Jedoch wurde erst gar nicht versucht die übrigen 45 Minuten durchzusingen. Dafür ist die Szene von Wisła ohnehin nicht so bekannt, wie z.B. deren Gegenüber heute. Die Trybuna II konnte mit einem sichtbaren und gelegentlich hörbaren Gegner auf den Rängen einige Schippen drauflegen und nun auch problemlos die äußeren Bereiche mit in ihre Schlachtrufe einbeziehen. Sicher noch nicht das Optimum und selbst ich kann mich an bessere Auftritte erinnern. Dennoch war es wieder beeindruckend zu sehen, wie die Massen zweigeteilt werden, die Schals eng aneinander empor gestreckt werden und natürlich dieses martialische Einklatschen der ganzen Tribüne. Zur sich steigernden Akustik, sorgten die Kibice von Lech des weiteren für eine nette Pyroshow im zweiten Durchgang. Wieder einmal diente davor eine Blockfahne als Schutz vor Kameras und den Augen der Bullen. Nach dem sich alle unkenntlich verkleidet hatten und ihre Plätze auf der vollen länge des Blockes eingenommen hatten, leuchteten Breslauer und Bengalen in hoher Zahl auf und sorgten für dicke Rauchschwaden. Statt Pfiffe oder gar Rufe alá „Ultras raus“ applaudierte der Rest des Stadions den Fans zu und zückte schnell das Handy, um den Sohnemann vor der Kurve abzulichten. Auch der Stadionsprecher nahm es gelassen hin und leierte nur kurz seinen Text runter.

Gäste- und
Heimblock
Blockfahne und…
Pyro, Foto II, Foto III