Zwei Wochen Balkan Teil IV: Montenegro und Bosnien und Herzegowina

Spiele: FK Budućnost – Bokelj Kotor, Zrinjski Mostar – Čelik Zenica, Bosna Visoko – Metalleghe-BSI Jajce

26.08. – Nach einem letzten Bad im kalten Fluss machten wir uns auf dem Weg, den Kosovo zu verlassen. Über 200 km lagen vor unserem Ziel Podgorica, davon 95% durch Gebirge – es ging also wieder nur äußerst schleppend voran. Zwar waren die Straßen leer aber die kurvenreiche Strecke kostete Zeit, die Grenzen hingegen nur ein müdes Lächeln und der nächste Stempel, an falscher Stelle im Pass, wurde gesammelt. Die Strecke durch Montenegro ist zwar wirklich geil und sehenswert, war aber vom Vorjahr noch sehr gut bekannt, so dass nur zum Frühstück mal angehalten und nach fünf Stunden endlich die Hauptstadt erreicht wurde.http://fs5.directupload.net/images/151202/qbsehdcb.jpg

FK Budućnost – Bokelj Kotor
26.08., Prva Liga, Stadion Pod Goricom

Nach den Erfahrungen vom letzten mal bestand ich auf einen Abstecher zum Stadion. Zu recht! Allerdings waren handfeste Infos wieder sehr schwierig zu bekommen. Selbst der Kunde im Fanshop(!) konnte uns nicht den genauen Anstoß sagen, empfahl uns aber die abendliche Hallenveranstaltung (Futsal, Volleyball… was auch immer) und schickte uns weiter zum montenegrinischen Fußballverband. Die Dame hier hatte natürlich auch nur ein Achselzucken für uns übrig, also die Runde weitergedreht und vorm Laden der Varvari gestanden. Dieser war nur wenig frequentiert. Die bereits anwesenden Jungs halfen uns gerne weiter und beantworteten unser Anliegen. Zwar fand das Spiel hier statt, aber es wurde kurzfristig um 90 Minuten nach hinten verlegt. Nach einem kurzen Plausch und Austausch von Aufklebern und Fanzines verabschiedeten wir uns. Die nächsten Stunden verbrachten wir in der Innenstadt, sowie im neuen Zentrum – Shopping!!!. Am einzigen wirklich schönen Ort, direkt am Fluss, verköstigten wir das einheimische Bier und kühlten uns ab. Vor dem Spiel gab es noch etwas auf die Rippen. Beim bezahlen gab es ein „Fuck you“ zur Verabschiedung, ist zwar sicher nicht landesüblich hier, aber ich nahm es halt so hin und verabschiedete mich mit fragendem Gesicht.
Tickets gab es in einem total stickigen Raum, der kaum größer als 3 × 3 Meter war. Die Männer darin aßen gemütlich ihre Sonnenkerne und hatten in der anderen Seite noch ihre Kippe im Mundwinkel, während rund 50 Leute um den Platz an der Sonne kämpften – geil, welch ein Anblick! Eintritt war übrigens nur für die Tribüne zu zahlen, wer in den Fanblock ging, kam kostenlos ins Stadion. Coole Sache, fiel für uns aber aus. Das Stadion kennen sicher die meisten, tragen hier doch sämtliche Mannschaften ihre internationalen Spiele aus. Auf Fotos und in Videos kommt es deutlich moderner daher, als es eigentlich ist. Rost, kaputte Stufen, Sitzplätze die langsam den Kampf gegen die Sonne verlieren und beim Angucken fast auseinander bröseln, Sanitäranlagen, wie in Afrika aber alles in allen für die hiesigen Bedürfnisse ausreichend und ganz gut in Schuss. Wir sprechen immerhin von einem Fußballstadion, in einem Land, was nicht größer als Schleswig-Holstein ist – die Zuschauerzahlen sind übersichtlich. Auch heute waren es maximal 1.300 Zuschauer, die einen Teil der 15.000 Plätze einnahmen.
Während sich auf der Tribüne natürlich alles verteilte, standen im Oberrang hinter dem Tor rund 250 Leute beisammen. Hinter der großen „Budućnost Podgorica“-Fahne stand die aktive Szene, wie ein Block. Dabei standen sie weder ihren Nachbarn auf den Füßen, noch wurde es an den Seiten oder Oben eng. Sehr diszipliniert und gibt optisch einfach ein gutes Bild ab, wenn sich nicht alle kreuz und quer stellen. Die Fahnen am Zaun gingen mit der Aufstellung einher und gaben somit die Begrenzung des immateriellen Blocks. Einziger Kritikpunkt, es dauerte eine ganze Weile, bis alle den Weg ins Stadion/Block schafften, da dürften schon 20 Minuten gespielt worden sein. Ansonsten knüpften sie an meine bisher gesehenen Auftritte an und starteten mit dem Anpfiff ein erstklassiges Supportprogramm. Ausdauer, Lautstärke, Beteiligung und Melodien (natürlich mit viel Klatschen) ließen kaum Wünsche offen. Da siehst du halt niemanden durch den Block klettern auf den Weg zum Bierstand (gut, gab hier auch keinen), der dumm mit dem Nebenmann quatschte oder sich die achte Bratwurst ausgerechnet im Spiel reinschieben musste. Wer sich dort zu den Ultras stellt, der zieht das Programm 100% mit und gibt wenigstens die 90 Minuten alles für seine Stadt/Verein/Farben und lässt sich nicht von irgendeinen Schrott oder sein Datschhandy ablenken.
Während der ersten Halbzeit waren nur zwei Fahnen im Einsatz, in der Halbzeit wurde die Zahl auf zehn erhöht. Kaum waren alle in der Luft, fing es an einigen Stellen an zu rauchen, zu leuchten, zu blinken und zu knallen. Kleine Aktion mit großer optischer Wirkung, es müssen halt – auch im Balkan nicht – immer gleich 40 Fackeln und kiloweise Rauch sein, um ein eindrucksvolles Bild in der Kurve zu erreichen. Leider landeten auch einige Böller und eine Fackel auf dem Platz, so dass der Schiri kurz unterbrechen musste und die gepushte Stimmung leider schnell wieder verpuffte. Heißt an dieser Stelle nicht, dass der Support abschwächte, sondern einzig, dass die kurzzeitige Höchstleistung nicht gehalten wurde. Der akustische Part blieb über das Spiel hinweg auf gutem Niveau und auch die Fahnen wurden nun bis zum Abpfiff (0-0) durchgängig benutzt. Keine besonderen Partien (u.a. zwei Mittwochsspiele) von Budućnost und seinen Varvari gesehen und doch ein weiteres Mal begeistert das Stadion verlassen – läuft!

Stadion
Block der Varvari, Foto II, Foto III
Pyro-Show, Foto II

Weniger rund lief die nächtliche Fahrt (280 km) ins bosnische Konjic. Ist die Fahrt durch die bergische Landschaft auf den dunklen Straßen nicht schon anstrengend genug, standen wir nach zwei Stunden vor einer geschlossenen Grenze. In ihrer kleinen Holzhütte, bei schallender Volksmusik, erklärten uns die zwei Cops, dass die bosnische Seite nicht besetzt sei und sie uns daher nicht rüber lassen würden. Die Alternativ-Route stellte einen Umweg von ungefähr 150 Kilometer da – läuft. Also ging es die Serpentin zurück und die Hasen grüßten schon freudig, man kennt sich in der Einöde. Ich bin ja ein Grund auf gelassener Mensch, aber meine Laune erreichte den absoluten Tiefpunkt. Flüche folgten Verteuflungen und zu guter letzt sprach ich den örtlichen Behörden jegliche Logik ab und schrie das auch in den finsteren Wald hinaus. Ob sich Stivi´s Verwandte darum nun scherten oder nicht, kann ich nicht beurteilen.
Hinzu kam, dass mir immer kälter wurde und ich anfing zu zittern (nein, das lag nicht an meiner kochenden Wut). P. durfte also die nächsten vier Stunden nahezu alleine die Augen offenhalten. Zwischendurch schlug ich sie doch mal auf. Zum Beispiel am bosnischen Grenzübertritt. Dort fertigte ein(!) junger Mann Busse, Lkw´s und Autos ab… es hätte natürlich ein enormes Haushaltsloch in die Kassen gerissen einen (!) weiteren Beamten 60 km nördlich auf die Straße zu stellen. Bei der nächsten Pause nahm dann mein Zustand seinen Lauf und ich übergab mich gleich mehrmals. Also schnell wieder die Augen zu und versucht nicht zu sterben. P. konnte am nächsten Tag von knapp zehn Verkehrskontrollen berichten, musste aber, trotz bis zu 100% Tempoüberschreitung, nicht einmal zahlen und das obwohl dieser Pfeffi nicht mal einen Führerschein bei hatte! Ich werde zweimal angehalten und darf diesen Schweinen von Bullen ihr Weihnachtsgeld unversteuert auszahlen und dieser Kunde stammelt „english“ seinem gegenüber ins Gesicht, strahlt ihn mit unserer Kapitäns-Mütze an und darf nach einem High-Five weiterfahren. In was für einer Welt leben wir?

27.08. – Heute stand ein weiteres Highlight an: RAFTING!!! Da ich mich im Rhythmus von 30 Minuten weiterhin auf unüblicher Art und Weise entleerte, verzichtete ich auf den Spaß und pendelte zwischen Bus und Tankstellenklo. Später traute ich mich gar an einen Hang zu legen und beanspruchte das Restaurant ein ums andere mal. Meinen langweiligen Tag versüßten vier Personen meiner Lieblingsberufsgruppe und ich konnte die Jungs beobachten, wie sie einen Jeep, einen Hänger, ups… einen weiteren Jeep und ein Boot im tiefen Moor am Fluss versenkten und nur mit viel Mühe und unter ordentlichen Materialschaden retteten.
Nach über 8 Stunden erschien P. freudestrahlend am Bus. Zwar war die Fahrt im Schlauchboot wohl nicht so abenteuerlich wie erwartet, aber er sprach viel von einer aufstrebenden Freundschaft zwischen Deutschland und Österreich. Auf diese musste er natürlich sogleich anstoßen und überlies mir (vor wenigen Stunden noch dem Tod von der Schippe gesprungen) das Lenkrad bis Mostar. Am Neretva entlang führte uns die Straße durch einige Schluchten und wurde von uns zur zweitschönsten Strecke (nach Mojkovac – Podgorica) der Tour gekürt!
In Mostar hatten wir ein weiteres mal arge Probleme unser Hostel zu finden. Die örtliche Jugend entdeckte aber sogleich mein Fragezeichen im Gesicht und erklärte mir den Weg. Der Abend gestaltete sich sehr kurz und wir chillten nur etwas unter dem Wahrzeichen der Stadt, ehe wir die Betten beehrten.
28.08. – Heute stand wieder ein volles Programm auf dem Plan. Dementsprechend früh verließen wir unser Quartier in Richtung Studenci, kurz vor der kroatischen Grenze. Dort warteten der Kravica-Wasserfall auf uns, welchen wir nach anfänglichen Schwierigkeiten (und keinen passenden Frühstück für P.) doch noch fanden. Vor Ort erlangten wir einen Erfolg gegen die kapitalistische Ausnutzung von Stellflächen und konnten den Preis um 50% drücken! Wenigstens einmal im Urlaub konnten wir unseren Weg mit Stolz geschwellter Brust fortsetzen. Trotz unseren frühen Startes, waren wir längst nicht die ersten hier. Beeinträchtige die Schönheit des bis zu 28 Meter hohen und 120 Meter breiten Wasserfalls des Trebižat aber nur bedingt.http://fs5.directupload.net/images/151202/i3gyn2bf.jpgZwar ist dieser nicht ganz so spektakulär wie die Krka-Wasserfälle auf der anderen Seite der Grenze, aber auch nicht so extrem überlaufen und somit deutlich angenehmer zu besichtigen. Natürlich nutzten wir bei knapp 40° das lauwarme Nass für eine Erfrischung, inkl. waghalsigen Sprüngen von den Felsen. Nur eine Schlange meinte uns den Spaß nehmen zu müssen und ließ uns vor Schreck laut aufschreien. Zum Glück herrschte durch den Wasserfall eine enorme Lautstärke, einige fragende Blicke ernteten wir dennoch. Für ein anschließendes Sonnenbad fehlte leider a) der Platz und b) die Zeit, so fuhren wir bald die knapp 40 Kilometer zurück nach Mostar.
Dort folgte eine ausgedehnte Stadtbesichtigung, die sich sehr an die des Vorjahres orientierte und die Füße qualmen ließ. Während wir zwischenzeitlich auf unseren Snack warteten, wurden im Akkord alle Postkarten beschriftet und gen Deutschland geschickt. Bei über 20 Karten qualmten nun auch noch die Hände. Viel hat sich zum letzten Jahr natürlich nicht geändert. Die Stadt gefällt mir immer noch sehr gut.http://fs5.directupload.net/images/151202/qto8bs76.jpgDie Spuren des Krieges sind nach wie vor an vielen Ecken zu sehen und erzählen auf ihre Weise etwas über die Stadt und das Land. Gehört hier halt dazu und regt bestimmt mehr Menschen zum Nachdenken an, als irgendwelche Bronze- oder Granit-Figuren. Auf der anderen Seite ist die ständige Erinnerung für die Einwohner oder gar eventuellen Hinterbliebenen sicher alles andere als angenehm und lässt weniger gestärkte Menschen nur schwer mit der Zeit abschließen. Im Anschluss an unsere Besichtigung setzten wir uns, wie am Vorabend, auf die Felsplatten unter der Brücke und schauten in der Sonne den verrückten Jungs bei ihren Sprüngen in den Neretva zu. Und natürlich weckte der Fluss mehr und mehr mein Interesse. Ich überlegte noch kurz, von der Brücke zu springen, ein Blick auf die Uhr ließ aber nur noch ein Sprung von den Platten zu.

Zrinjski Mostar – Čelik Zenica
28.08., Premijer Liga, Stadion Bijeli Brijeg

Rund eine Stunde vor dem Spiel parkten wir unser Auto an einer der Platten unweit des Stadions ab. Viel war zu dieser Zeit noch nicht los, einzig in der Kneipe gegenüber der bunkerähnlichen Ticketschalter (Tickets der Vorsaison wurden ausgehändigt) lungerten einige Ultras/Hools herum und genehmigten sich ein Bier´chen. Wir taten es ihnen gleich, zogen aber das kleine Einkaufzentrum vor.
Der Name des 25.000 Zuschauer fassenden Stadions heißt übersetzt übrigens soviel wie „Weißer Hügel“ und ist keine bosnische Kornflecksfabrik. Es liegt, wie es der Name vermuten lässt, ganz in der Nähe eines kleinen Hügels und ist umringt von Plattenbauten. Die Kapazität verteilt sich ungleichmäßig mit gut 85% auf die zweitrangige Haupttribüne. Ziemliches Monster, was hier 1971 eröffnet wurde. Die Gegengerade „Tribina Stajanje“ besitzt zehn Stufen und ist Standort der heimischen Ultrá-Szene. Da die beiden Kurven über keinen Ausbau verfügen, werden die Gäste im Oberrang der Haupttribüne, in einem Käfig untergebracht. Natürlich nur, wenn Gäste anreisen und/oder nicht verboten sind. Durch diverse Einschränkungen (Stadionunabhängig) wurden schon mehrfach Spiele von Gästen boykottiert, u.a. auch das Stadtderby. Die Spiele gegen den Stadtrivalen besitzen eine enorme Rivalität, weil sich die beiden Vereine nicht nur politisch spinnefeind sind (Zrinjski – nationalistisch, Velež – antifaschistisch), sondern die Anhängerschaft bei Zrinjski aus dem kroatischen Teil der Bevölkerung stammt, während Velež bunt gemischt ist, vor allem aber vom herzegowinischen Teil unterstützt wird.
Heute allerdings war nicht der Stadtrivale samt „Red Army“ zu Gast, sondern Čelik Zenica. Die 1988 gegründete Gruppe „Robijaši“ (dt. Häftlinge) war leider nicht unter den ca. 1.800 Zuschauern vertreten. So war es den rund 250 Ultras Zrinjski vorbehalten für Atmosphäre bei diesen Abendspiel zu sorgen. Das gelang ihnen auch rückblickend sehr gut und dürfte in den zwei Wochen qualitativ die beste Kurvenleistung gewesen sein. Nach etwas Startschwierigkeiten in den ersten 10 Minuten, samt sehr monotonem Gesang, steigerte sich die Tribina Stajanje. Bis zum Schlusspfiff blieb die Beteiligung bei über 90% und die unbekannten Melodien wurden in einer guten Lautstärke auf den Platz getragen. Die teilweise sehr langen und abwechslungsreichen Lieder wurden fast alle mit viel Armeinsatz untermalt. Machen wir es kurz: meiner Meinung nach legten die aktiven Jungs einen sehr kreativen, enthusiastischen, ausdauernden und letztendlich auch lauten Support hin, der sich von den meisten bisher gesehenen Szenen auf dem Balkan abhebt und in sehr guter Erinnerung bleibt! Noch heute, über drei Monate nach dem Spiel komme ich über die Vorstellung ins schwärmen. Dabei reden wir von einer Nullnummer auf dem Platz und keinem Gegner, der ohne Frage immer motivierend wirkt, im Stadion. Das Tifo-Material und deren Anordnung haute mich hingegen nicht wirklich vom Hocker. Die große Ultras-Fahne hing sehr weit außen und die Tribina-Stajanje-Fahne ging auf der langen Gerade etwas unter. Da wirkten die Streifenmuster auf den Schwenkelementen deutlich durchdachter und sorgten durchgängig für Bewegung im Block. Dazu wurden gelegentliche einzelne Doppelhalter in die Luft gehalten. Während in der ersten Halbzeit zwei-, dreimal unkoordiniert einzelne Fackeln angerissen wurden, folgte in der 75. Minute eine Pyro-Show mit einigen Bengalos und mehreren Batterien. Die Aktion passte sich dem Support an und wertete den, bis hierin durchwachsenden, optischen Auftritt gut auf.

Ultras auf der Gegengerade
Pyro, Foto II, Foto III, Foto IV

Heute stand der letzte Abend auf dem Programm, den wir in Sarajevo würdig feiern wollten. Alles Aufsatteln und Abflug!!! Gegen 23 Uhr erreichten wir unser Ziel. Leider erwies sich die Suche nach unserer Unterkunft einmal mehr als Geduldsprobe. Über 30 Minuten suchten wir die kleine Straße ab und fanden weder das Hostel, noch jemanden der uns weiterhelfen konnte. Nach dem wir schon fast aufgaben und uns wie ein altes Ehepaar anzickten, bzw. wurde sich nur noch vorwurfsvoll angeschaut und geschwiegen, faselte mich ein Typ voll: Are you Xyz? Leider war P. in diesem Moment schon wutentbrannt den nächsten Cevapcici-Stand plündern (…oder doch nach dem Weg fragen?) und ich ließ unseren neuen Freund mit der laufenden Karre (Vertrauen ist alles) stehen und versucht P. wieder einzufangen. Das Bild war zu göttlich, dieser stampfte gerade durch einen kleinen Park und überlegte vermutlich, wie er den Frust nun am besten abbauen könnte, ohne meinem Körper oder meine Gefühle ernsthaft zu verletzten und schniefte dabei wie ein Tier vor dem Kampf um Leben und Tod – den muss man einfach lieb haben! Na ja… wir haben es ja doch noch gefunden. Schnell das Shirt gewechselt und ab ins Nachtleben.
Erstes und eigentlich auch letztes Ziel sollte das „Kino Bosna“ sein, allerdings war hier tote Hose und nur der Tressen offen. Wie im gesamten Stadtbild waren auch hier die sächsischen Freunde von FK Sarajevo in Form von verschiedenster Streetart allgegenwärtig. Trift jetzt irgendwie nicht mein Geschmack, da sich die Bilder, sowie die Orte grundlegend von der deutschen Szene unterscheiden (werden hier doch selten Tags und Bilder an Fassaden gesetzt, sondern wahre Wandmalereien an Schutzwallen an Straßen) und damit gerade im Innenstadtbereich ein total verzerrtes Bild entsteht. Na ja, vielleicht ist Sarajevo auch bald Dynamoland und das ehemalige Kino das neue Akis. Wir entschieden uns für den Weg zurück in die Innenstadt und schaufelten dort noch eine Menge Bier. Mit einigen Einheimischen gab es noch nette Gespräche und wie es der Zufall wollte, waren darunter auch einige Jungs vom bordeauxfarbenden Fußballclub. So hörten wir u.a. auch die Geschichte vom Spiel gegen Poznań, mal aus Sicht der Bosnier. Unterschied sich allerdings nicht großartig von dem bekannten Bericht der Polen und dementsprechend sprachen auch die gezeigten Nasen und Narben Bände. Irgendwann schwand das Interesse am Gespräch und ich malte mir schon aus, was uns auf dem Weg zur Unterkunft für bleibende Eindrücke erwarteten. Wiedererwartend taumelten wir aber nur vom Bier gezeichnet in unsere Platte.
http://fs5.directupload.net/images/151202/of4nvz8q.jpg
29.08. – Nach einem letzten Cevapcici zum Frühstück (P. ließ tatsächlich etwas liegen! Anzeichen von Heimweh?) knüpften wir uns die Stadt vor. Kurzzeitig zogen wir dafür auch eine der themenbezogenen Führungen vor. Allerdings hätten die interessantesten den ganzen Tag in Anspruch genommen und somit keine Zeit mehr für andere Höhepunkte gehabt. So drehten wir in gewohnter Manier (Stadtplan und Spickzettel…) unsere Runde, mussten allerdings wieder auf dick markierte Erlebnisse zeitbedingt verzichten. Die Stadt erzählt eine Menge, meist traurige, Geschichten und füllt nicht zu unrecht eine Menge Bücher. Es würde leider den Platz sprengen, auf die vielen Details genauer einzugehen.http://fs5.directupload.net/images/151202/cra9z66o.jpghttp://fs5.directupload.net/images/151202/empddb4c.jpgIch kann allen Sarajevo-Besuchern nur ans Herz legen, sich bei einem Besuch vor Ort auch literarisch mit der Stadt auseinanderzusetzen und, anders als wir, mehr Zeit einzuplanen. Denn mehr als ein oberflächlicher Sparziergang war es trotz Recherche vor der Reise nicht.
Wie die anderen Touristen zog auch uns die osmanische geprägte Altstadt in ihren Bann und wir vertrödelten dort sehr gerne Teile des Vor- und Nachmittags. Der dortige Baščaršija-Platz gehört nicht zu unrecht zu den Highlights der Stadt und lädt – Vorsicht Reiseführer-Floskel- zum verweilen ein. Nun hatten wir aber auch noch andere Ziele und liefen bald weiter. Die meisten Sehenswürdigkeiten liegen zentral und sind locker zu Fuß zu verbinden. Vor allem blieb die lebendige Markthalle (Markale, erlangte ´94 und ´95 durch zwei Massaker weltweite Berühmtheit), die „Ewige Flamme“ (für die Opfer des 2. WK), sowie die Bauten der Universität, Post, Präsidentenpalast und auch die neue Akademie für Künste hängen.http://fs5.directupload.net/images/151202/wn2voi9u.jpg
Im kleinen Stadtpark „Veliki“ traf uns das Leid vergangener Tage übel in Form zweier Denkmäler vor dem Kopf. Das erste ist der nachgebildeten Ramo Osmanović – Srebrenica (bei Interesse). Kaum zwei Autostunden von hier fand vor 20 Jahren eines der schlimmsten Massaker nach dem zweiten Weltkrieg statt, bei dem über 8.000 Bosniaken/bosnische Muslime getötet wurden. Der akribisch geplante Massenmord, welcher gar gefilmt wurde, an der männlichen Bevölkerung (auch Jungen ab 13 Jahren) von der Armee der Republik Srpska und Polizisten (beides bosnische Serben) konnten auch die eingesetzten Blauhelme (Niederland) nicht verhindern. Die Skulptur zeigt einen Vater, der seinen Sohn (Nermin) zuruft, sein Versteck zu verlassen. Er wurde von seinen Peinigern dazu gezwungen. Vater wie Sohn wurden später in einem der Massengräber gefunden.http://fs5.directupload.net/images/151202/uyxyd8nc.jpg
Keine 50 Meter weiter steht ein Brunnen, der an die getöteten Kinder während der Belagerung (04.04.1992 bis 29.02.1996) vor dem Bosnienkrieges erinnert. Eine von vielen Gedenkstätten der jüngsten und wehrlosesten Opfer. Schätzungsweise wurden etwa 1.600 Kinder getötet, insgesamt ca. 11.000 Menschen. Während der Belagerung durch serbische Paramilitärs (Bosnien und Herzegowina wollten sich von Jugoslawien abspalten, Serbien und Montenegro wollten es verhindern) wurden tagtäglich Angriffe durch Heckenschützen und Granaten durchgeführt.
http://fs5.directupload.net/images/151202/oue4lads.jpgWir verließen die Innenstadt in Richtung „Olimpiski Stadion Koševo“ (heute „Olimpiskij Stadion Asim Ferhatović Hase“, benannt nach einemSpieler von FK Sarajevo)“. Anders als es sich durch den Namen vermuten lässt, wurde das Stadion schon 30 Jahre vor der Olympiade eröffnet. Der Weg dorthin bot einen Einblick auf die vielen, schier unendlichen, Kriegsgräber in der Stadt. Ganze Hänge waren vor lauter Minaretten weiß gefärbt. In das Stadion kamen wir nicht und abgesehen von einigen Graffitis der Horda Zla gab es somit wenig zu sehen.http://fs5.directupload.net/images/151202/5jrig9rm.jpg Die damaligen Winterspiele (´84) gewann übrigens niemand geringeres als die kleine DDR. Zurück nutzen wir das erste und letzte mal den Komfort eines Taxis. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie toll sich eine Klimaanlage nach 14 Tagen über 30 Grad anfühlte. Nach einem kleinen Stadtbummel war es Zeit für die erste Etappe in Richtung Heimat.

Bosna Visoko – Metalleghe-BSI Jajce
29.08., 1. Liga, Stadion Luke u Visokom

Immerhin 30 Kilometer waren wir gekommen, hier wartete unser letztes Spiel der Tour. Natürlich waren wir viel zu früh und wir mussten uns die Zeit bei einem letzten Bier auf der sonnigen Terrasse einer Kneipe, ganz in der Nähe des Stadions, vertreiben. Na ja, dass hatten wir in letzter Zeit ganz gut geübt. Viel auseinandergesetzt hatte ich mich mit dem Spiel nicht, es war halt der einzige Kick der ohne Umweg und mit einem ausführlichen Tag in Sarajevo zu verbinden war. Immerhin hatte der ehemalige Erstligist ein Stadion (ca. 4.000) und wohl auch eine kleine Szene zu bieten.
Beides traf dann auch irgendwie zu. Das Stadion verfügte über eine Tribüne, die sogar ein kleines Dach besaß. Die Sitze schienen noch relativ neu zu sein oder der Platzwart ist einfach sehr gründlich. Zumindest strahlten die Sitzgelegenheiten im satten grün, als wenn sie erst gestern aufgeschraubt wurden. Auf der anderen Seite könnte sich eventuell mal ein Gästeblock befunden haben. Heute wuchert dort über die zwei oder drei eingezäunten Stufen hohes Gras. 300 Zuschauer mögen es heute gewesen sein, darunter zähle ich allerdings auch schon die Kid´s, welche das Spiel von der Stadionmauer aus verfolgten. Am äußersten Ende der Tribüne versammelten sich 25 Jugendliche hinter zwei Fahnen. Deren Support würde ich als ausbaufähig bezeichnen. Die beiden Tore (2-1) wurden mit ausschweifenden Pogo-Einlagen gefeiert und auch sonst waren die Jungs gelegentlich zu vernehmen, allerdings ruhten sie sich auch 20 Minuten im Sitzen aus und verstummten im zweiten Durchgang fast komplett. Also eher nicht ganz so ernst zunehmen.

Stadion
Malerei im Stadion
Kleiner Supporter-Haufen

Im örtlichen Einkaufszentrum verjubelten wir unser letztes Geld in Salzstangen und Wasser, bevor wir nochmal so richtig schlemmen wollten. Leider lagen wir mit unserer Übersetzung falsch und bekamen nicht das ersehnte Schwein auf den Tisch sondern ein vertrocknetes Irgendwas. Macht nichts, satt hat es allemal gemacht und die Heimfahrt konnte weitergehen. Diese war von Höhen und Tiefen gezeichnet. Fuhren sich die ersten Kilometer auf der Autobahn wie von alleine, änderte sich dieser Zustand ab Zenica (die Smogwolke des Stahl- und Braunkohlewerks breiten sich über die ganze Stadt aus). Bis zur kroatischen Grenze führte uns die Landstraße in gewohnter Manier durch die Berge. In Kroatien hatten wir die Straßen fast für uns und donnerten Richtung EU. Erwarteten wir spätestens an der ungarischen Grenze eine halbwegs gründliche Kontrolle, winkten uns die beiden jungen Beamten aus Kroatien und Ungarn einfach durch. Die beiden waren anscheinend mit ihrer länderübergreifenden Beziehung genug beschäftigt. Von Győr bis nach Teplice verweilte ich im Reich der Träume und P. übernahm das Lenkrad. Den Rest spulte ich dann wieder fast routiniert runter und früher als gedacht erreichten wir die brandenburgische Landeshauptstadt. Dachten wir zwischendurch noch, jetzt haben wir erstmal genug voneinander, trafen wir uns keine 60 Minuten später am Eingang des Karl-Liebknecht-Stadions wieder. Das Flüchtlingsteam von Babelsberg (Welcome United) bestritt heute um 11 Uhr das erste Heimspiel. Nach besten Wünschen an den Trainer und das Team ließen wir uns zu dritt ein Bier in der Sonne schmecken, ehe es meiner Freundin zu warm wurde und die ersten Bilder sehen wollte.